Wer hat sie zum Meer getragen?

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Dicht an dicht stehen in der Altstadt von Stromness die alten Steinhäuser mit dem Rücken zur Meeresbucht. Hin und wieder kann man von der Straßenseite aus durch eine schmale Lücke zwischen zwei Gebäuden hindurchsehen. Dahinter liegt die Meerenge mit dem Hafen. Wie durch ein Schlüsselloch lassen sich vorbeifahrene Schiffe beobachten.

Manchmal wurden auch etwas breitere Abstände zwischen den Häusern oder den Mauern gelassen. Dort führen schräge Ebenen direkt bis ins Wasser oder zu einem kleinen Strand. Als Slipways, damals noch aus groben Pflastersteinen gebaut, sind sie dafür da, um kleinere Boote zu Wasser zu lassen oder an Land gezogen zu werden. Und dazu dienen sie heute noch.


Früher, vor den Zeiten geregelter Müllentsorgung, hat man sich an diesen Stellen aber auch gerne dem entledigt, was nicht mehr brauchbar war. Es wurde dann einfach dem Meer überlassen. Und das Meiste kam nach einigen Gezeiten auch ausser Sichtweite. Darunter waren auch Gegenstände aus Porzellan, Ton und Glas.
Scheinbar haben aber diese Materialien die physikalische Eigenschaft, an Land zurück zu kehren.

Von der Meeresströmung kreativ bearbeitet tauchen sie nach einiger Dauer wieder auf. Zerkleinert und an den Kanten glattgeschliffen. Nach Jahren, Jahrzehnten, vielleicht auch nach Jahrhunderten kehren die Überreste wieder zurück.  

Nun sind es nur noch kleine Fragmente, daumennagelgroß und mit einer ganz neuen und eigenen Ästhetik. Dass ihre Dekors den langen Bearbeitungsprozess überdauert haben zeugt von Qualität.

Hinter jedem dieser Stücke steht eine Geschichte. Wo kam es her? Von wem wurde es benutzt? Und wann? Kommt es aus der Vitrine eines guten Hauses? Hat es in bürgerlichen Verhältnissen gelebt auf dem Kaminsims? Oder stand es auf einem Regalbrett beim Fischer seiner Frau? Jedenfalls war es einmal ein Teil eines Ganzen und ist nun getrennt vom Rest. Einst hat es eine Aufgabe erfüllt, dem Menschen gedient, als Tasse, Teller, Kanne, Schale. Womöglich war es einmal wertvoll. Bis es zerbrach. Aber zu welcher Gelegenheit ist es zerbrochen? Und wer hat sie zum Meer getragen?

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9 Antworten

  1. Ines Schumacher
    Ich würde wahrscheinlich vor lauter Sammelleidenschaft Tonnen von Fliesen mit nach Hause bringen 😂. Die Bilder machen Lust auf Erkundungstouren durch die kleine Gassen 😊.
    • Mario
      Du glaubst nicht, Ines, wie viel Steine ich schon von den Stränden in mein Fahrzeug geladen habe. Und nicht nur kleine. Hab sie dann meistens irgendwann später wieder ausgeladen und an einem anderen Strand abgelegt. – Hoffentlich führt das nicht zu Irritationen bei den Geologen…. Das zulässige Gesamtgewicht ist nun mal limitiert. Und die Spritpreise sind hier noch höher als zuhause. Sammelleidenschaft kann teuer werden….
  2. Olaf
    Durch die Porzellan Abteilungen der Museen bin ich meistens sehr schnell durchgegangen, aber von den Fotos über Gebäude und Landschaft bin ich sehr angetan, mindestens 2 +
    • Mario
      Wenn das mein großer Bruder sagt ist es ein besonders großes Kompliment. Danke Olaf!
  3. Helga Bernhardt
    Wieder ein Text von Dir, der alles so anschaulich beschreibt, dass man die kommenden Fotos schon vor Augen hat. ( deine Deutschlehrerin ist sehr angetan) Die Fotos der Fundstücke sprechen mich sehr an. Vor allem, weil jedes seine Geschichte hat. Einige könnte man fast als Schmuck tragen.
    • Mario
      Hallo Helga, dass meine ehemalige Deutschlehrerin meine Texte lobt hätte ich mir damals nie vorstellen können. Bedeutet „angetan“ sowas wie 2-minus? Habe übrigens heute in Ullapool in einem Schaufenster eine alte Porzellanscherbe als Kettenanhänger gesehen. Lustig! Liebe Grüße Mario
  4. Nici
    Hallo Mario, auch heute gibt es wieder wunderschöne Fotos und Impressionen mit strahlend blauem Himmel und mit ganz besonderen Fundstücken. Mir als grün-Fan gefällt ganz besonders das vorletzte Steinchen. Nimmst du dir zum Andenken einige mit, die du von Zeit zu Zeit in einer Schale oder schön „retro“ in einem Setzkasten anschauen kannst? Wenn eine Mitnahme denn überhaupt erlaubt ist!? Andere Länder, andere Sitten …… :)) Liebe Grüße, Nici
    • Mario
      Hallo Nici, der strahlend blaue Himmel war leider nur wieder eine Ausnahme. Genauso wie auf Shetland hatte ich auf Orkney ausgerechnet am letzten Tag so ein tolles Wetter. Die Prognosen für die nächsten Tage sahen aber auch nicht so gut aus, so dass mir der Abschied nicht ganz so schwer fallen musste. Ich habe besser niemanden gefragt, ob man die Scherben mitnehmen darf. Wahrscheinlich fallen sie aber auch nicht unter das Altertums-Schutzgesetz. Und die abgebildeten Fundstücke sind auch nur eine kleine Auswahl. Der Setzkasten müsste also schon sehr viele Fächer aufweisen. Aber die Idee ist gut! Und ich schaue nochmal, ob da noch mehr grüne dabei sind. Liebe Grüße Mario

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