Shetland voraus!

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Die Fähre Hjaltland trägt riesengroß ein stolzes Wikingerlogo auf der Rumpfseite. Gegenüberliegend seitenverkehrt. Der Blick und die Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger immer nach vorne in Fahrtrichtung. Hoffentlich hat der Illustrator für dieses hervorragende Markenzeichen einen Preis bekommen!

Der Name Hjaltland ist die alte Bezeichnung der Wikinger für die Shetlands. Die Inselgruppe liegt von uns aus gesehen ungefähr auf halbem Weg von Schottland nach Norwegen. Auf gleicher Höhe wie Bergen und die Südspitze Grönlands. Sie gehört gerade erst seit ca. 530 Jahren zu Schottland. Aber manch ein Bewohner sieht seine Zugehörigkeit auch heute noch eher in Skandinavien als bei der britischen Krone.

Schon im 9. Jahrhundert landeten die ersten Wikinger mit ihren Booten aus Skandinavien auf Ihren Raubzügen und auf der Suche nach neuen Ländereien auf den Shetlands. Sie übernahmen entschlossen die Herrschaft. für fast die nächsten 700 Jahre.
Und, – wenn das kein Stoff für eine neue Netflix-Serie ist, gab eine eheliche Verbindung der ganzen Geschichte wieder eine Wende. Als Christian I die Mitgift für seine Tochter Margrethe nicht begleichen konnte, gingen Shetland und die Orkney an das Königreich Schottland über. Geblieben aus dieser Zeit sind nicht nur jede Menge steinerne Überreste. Auch sprachlich und namentlich ist der lange zurückliegende Einfluss heute noch spürbar.

Bei sommerlich warmen Temperaturen legen wir mit unserem Wikingerboot von Aberdeen pünktlich ab. Die Fahrt soll 14 Stunden dauern. Mit Zwischenstopp in Kirkwall auf Orkney.

Der Kapitän begrüßt seine Mitreisenden. Wie im Flugzeug. Über Lautsprecher. Kaum zu verstehen. Er hat doch nicht gesagt, „… local temperatures 11 degrees, …. continue rain…, tomorrow,…..“? Das hat er doch nicht gesagt!?

Ich schaue mich auf dem Schiff um. Suche die von außen versprochene stolze Anmutung, und für mich einen schönen gemütlichen Platz zum Verweilen und Beobachten. Das fällt nicht leicht.

Hier riecht es zu sehr nach Fritten. Da ist es zu laut. Hier läuft über einen großen Monitor Pferderennen live, vom Moderator enthusiastisch begleitet.
In dieser Ecke blinken Spielautomaten und geben aufdringlichen Sound von sich „Spiel mit mir!“ – Ich warte erst garnicht die Geräusche ab wenn jemand der Versuchung nachgibt.
Ach, hier sieht es gut aus. Hier wird Folkmusik gemacht. Aber die Luft wirkt jetzt schon sehr verbraucht.

Genug beobachtet und eigentlich könnte ich auch schon etwas essen. Es geht aber scheinbar den meisten Fahrgästen so. In einer langen Reihe vor dem Restaurant stehen die anderen Mitreisenden. Mit einem Tablett in der Hand, bereit, die überhöhten Preise für ein Menü aus der Kombüse zu zahlen. Ich warte lieber noch. Zu früh essen ist eh nicht gut, ich bekomme sonst vor dem Schlafengehen wieder Hunger.

Erstmal auf das Außendeck, um frische Seeluft zu tanken. Es riecht stark nach Dieselqualm, und auch hier nach Frittierfett. Allmählich fühle ich mich getrieben und etwas müde. Vielleicht hilft ein kleines Schläfchen vor dem Essen?

Habe mir für 18 Pfund einen „Sleeping-Pod“ gebucht. Man hat mehr Platz als in einem Schlafsessel. Und auf der Abbildung bei der Online-Buchung sah es aus wie ein Sitz im Flugzeug erster Klasse. Breite Liegefläche, das Rückenteil ganz weit nach hinten versenkbar. Eine Trennwand mit imitiertem Bullauge schafft Distanz zum Liegenachbarn.


Ich will es schon mal ausprobiern bevor es wieder zurück geht ins Restaurant. Hunger habe ich schon. Warte aber gerne bis alle anderen versorgt sind.


Es ist nicht leicht, als Seitenschläfer in dieser Liegeschale eine optimale Position zu finden. Eher unmöglich. Bevor ich selbst richtig einschlafe, schlafen mir meine Beine ein. Ich spüre meinen Nacken, die Knie, die Arme. Das Ausstrecken ist bei meiner Körpergröße nicht möglich. Ich will mein Geld zurück!

Mit der bereitgestellten Decke und dem Kissen werde ich besser auf einem der Sofas übernachten. So wie die anderen Fahrgäste auch, die sich die 18 Pfund sparen wollten.

Aber erst wird gegessen. Es ist ja auch bereits viertel nach Acht.
Vor der Essens-Ausgabe im Restaurant ist menschenleer. Dahinter aber auch. Bis 20 Uhr hätte ich etwas bekommen können.
Mein Magen lässt sich mit einem Käsesandwich und einer Tüte Chips beruhigen. Meine Psyche bekommt ein großes Bier.

Und der Kapitän hatte recht! Bei lausigen Temperaturen stehe ich vor dem Frühstück auf dem Außendeck. Wenn das mal überhaupt 11 Grad werden heute, denke ich. Aber der windgetriebene Regen und die ersten Ausblicke mit beschlagener Brille auf die langersehnten Shetlands können mir nicht so leicht die Vorfreude nehmen. Sieht doch schön aus dieser Leuchtturm. Und ich nehme mir vor, ihn mir auch bei Sonne anzusehen.

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2 Antworten

  1. Nici
    Hallo Mario, das nenne ich mal Pech auf ganzer Linie …… Dein Bericht hat direkt etwas von versteckter Kamera. 14 Stunden können so lang sein, Geruchs- und Geräuschbelästigung, kein Essen, unbequemes Quartier. Es kann nur wieder besser werden. Auch wenn diese Erfahrung für dich negativ war, ist sie doch sehr amüsant zu lesen und lässt mich schmunzeln. :)) Ich drücke die Daumen, das die Sonne schnell wieder scheint!! Liebe Grüße, Nici
    • Mario
      Hallo Nici, „Versteckte Kamera“, das passt! So manchesmal hatte ich die Vermutung von Inszenierungen auf meiner bisherigen Reise. Fast immer waren es aber gute Erlebnisse und Überraschungen. Und die Fahrt mit der Fähre, so anstrengend sie auch war, hatte trotzdem die ganze Zeit eine positve Spannung. Mit viel Zeit im Gepäck kann man sowieso alles viel leichter hinnehmen. Danke für die schönen Wünsche! LG Mario

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