Ein Berg für Jedermann

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Man kann den Gipfel vom Mount Snowden von verschiedenen Seiten aus angehen. Allein sechs offizielle Routen führt mein Reisetaschenbuch auf. Und ich wäge das erste Mal in meinem Leben einen Wanderweg nach den Parametern Länge, Höhenunterschied, Steilheit, Wegbeschaffenheit und Attraktivität der Aussichten ab. Die finale Entscheidung für meinen gewählten Pfad fällt eher mit anderem Zusammenhang. Parallel zum Llanberis Path verläuft der Snowdon Mountain Railway. Das vermittelt ein Gefühl von Sicherheit für den Notfall. Seit 1896 steht die einzige Zahnradbahn Großbritanniens im Dienst des fußmüden Touristen zum Weg rauf auf den Snowden oder wieder runter. Drei Zwischenstationen gibt es auf dem ca. 7,5 km langen Weg. Egal, wo man zusteigt, es werden 25 Pfund fällig. Bei dem Preis muss die Not enorm werden. Viel größer als mein sportlicher Ehrgeiz.

1085 Meter Höhe. Klingt nicht viel. Aber es wird allgemein gewarnt: Der alpine Charakter des Snowden-Massivs ist unberechenbar. Wetterumschwünge mit schlechter Sicht und Kälteeinbrüchen können eine Tour zum Horrortrip machen. Gut, dass ich einigermaßen ausgerüstet bin. Mütze, Regenjacke, Regenhose, Wanderschuhe, Klimashirt. Habe fast alles dabei was empfohlen wird. Nur keine Trillerpfeife.
Muss es gleich der höchste Berg von Wales sein? Ob ich mir das zutrauen kann? Untrainiert und unerfahren?

Die Sicherheits-Empfehlungen nehmen jedenfalls längst nicht alle ernst. Mir kommt bei dem Anblick der meisten Mitwandernden ein wenig das Gefühl der besonderen Leistung abhanden. Schon auf den ersten Höhenmetern treffe ich zwei junge Männer. Hipp gekleidet. Der eine mit Kunstlederjacke, Schlaghose und Top-Gun-Pilotenbrille. Der andere immerhin ausgerüstet mit einem Rucksack. Beide eine Plastik-Trinkflasche in der Hand darauf so eine Art „Hello-Kitty“-Motiv.
Ich treffe auf weitere Gipfelstürmer unterschiedlichster Couleur. Die Einen haben einen Großteil Ihres Urlaubsbudgets im Trekkingstore gelassen. Die Anderen gaben viel Geld im Tattoo-Studio aus. Sie legen auch bei dieser Gelegenheit großen Wert darauf, es zu zeigen. Mal sehen, wer nachher die Bahn zurück nimmt?

1085 Meter Höhe. Klingt nicht viel. Geht aber trotzdem in die Beine. Grandiose Ausblicke geben immer wieder Anlass für eine Pause. Von hier ein Foto. Eben noch wolkenverhangen und der gleiche Ausblick sieht einen Moment später bei Sonnenlicht ganz anders aus. Noch ein Foto. Kameras können heutzutage viel. Mit manchen kann man sogar telefonieren. Aber sie geben immer nur einen kleinen Ausschnitt wieder von diesen unglaublichen Panoramen. Warten wir es ab. Bald können alle Telefone mehr. Schauen. Hören. Riechen. Fühlen.

Es ist noch nicht einmal Mittagszeit und man trifft die die ersten Rückwanderer. Ein Vater mit seiner Tochter im Teenageralter. Beide gutgelaunt. Dann kann es ja so weit nicht mehr sein. Denke ich. Ward Ihr wirklich schon oben? „Yes, – we made it!“ – „You are early birds!“
Auch nach der nächsten Kurve ist der Gipfel noch nicht zu sehen. Es wird nochmal richtig steil. Zahnradbahnreisende winken aus offenen Fenstern zu. Die Wolken werden immer dichter. Ziehen sie vorbei, großes Kino!

Dann, – irgendwann -, endlich oben! Wo kommen alle diese vielen Menschen her? Ach ja, es gibt ja noch fünf weitere Aufstiege. Ein Wiederholungstäter erzählt mir: „am Wochenende muss man schon mal 2 Stunden anstehen für’s Gipfelselfie“. Heute ist Dienstag. Gott sei dank!

Für den Energiehaushalt und für die Besinnung hat die Gipfelpause gut getan. Aber ich friere. Trotz Funktionsbekleidung. Jede aufkommende Wolke umhüllt einen mit kalter Feuchtigkeit.

Beim Abstieg kommen mir immer mehr Menschen entgegen. Meine Finger sind kalt. Habe die Kamera im Rucksack verstaut. Deshalb entgeht mir das Motiv des Tages. Aus dem Nebel vor mir taucht ein junger Mann auf. Kurze Hose, Oberkörper frei, nur bedeckt von den Trägern seines Rucksacks. Verspiegelte Sonnenbrille. Cappy auf dem Kopf verkehrt herum. Er überholte gerade eine Frau. Sie, dicke Wanderstiefel, Thermo-Daunenjacke, Schal um den Kopf gewickelt. Nur die Augen schauen heraus.
Unten treffe ich die beiden Hipster wieder. Entspannt. Yes, we made it too! Ein Berg für Jedermann und jede Frau!

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2 Antworten

  1. Ines
    Hallo Mario, tolle Bilder, diese Aussicht herrlich. Es hätte mich viel Überwindung gekostet, die Kamera auf dem Rückweg in den Rucksack zu stecken. Kalte Finger hin, oder her 😉. Aber Dank Deiner Beschreibungen sehe ich Dein „Dein Bild des Tages“ auch leibhaftig vor mir 😁. Liebe Grüße und ich freue mich auf mehr Bilder und Geschichten 😊🙋🏻‍♀️
  2. Nici
    Hallo Mario, dein heutiger Beitrag, chapeau. You have done it too!!! Dieser An- bzw. Ausblick, diese Weite, deine Erzählung, bitte einfach mehr davon. Das ist echt beeindruckend und es macht großen Spaß dir zu folgen. Ich fühle mich immer mitgenommen und wohl im Gepäck. :)) Schön, dich von Zeit zu Zeit auch selbst einmal auf den klasse Fotos zu sehen. Liebe Grüße, Nici

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